feature | P. Florenskijs Kulturtheorie des Zusammenwirkens

Von Tatjana Petzer

Nach der Schließung der Moskauer Geistlichen Akademie durch das neue Regime arbeitete der russische Mathematiker, Theologe und Priester Pavel Florenskij (1882-1937) verstärkt auf den Gebieten der Elektrotechnik und Materialkunde und wirkte bei der Standardisierung wissenschaftlich-technischer Begriffe und Symbole mit. In diese Zeit der frühen 1920er Jahre fällt sein Entwurf einer transdisziplinären Namensphilosophie. Diese nahm insofern kulturtheoretische Züge an, als sie zum einen in der Tradition des im Hesychasmus praktizierten imjaslavie, der Onomatodoxie bzw. Namensverehrung stand, zum anderen auf Energiekonzepten aus Sprachphilosophie und Physik aufbaute.

Florenskij zufolge entfaltete das Wort, und insbesondere der Name, durch die göttliche Einwirkung in menschlicher Rede und durch die menschliche Mitwirkung an den Energien Gottes seine Wirksamkeit: »Das Wort ist synergetisch«. Das synérgeia-Verständnis der Ostkirche, demzufolge menschliche und göttliche Energien interagieren, bildet den Kerngedanken der Theosis, der Vergöttlichung und Transformation des Menschen. In diesem Prozess ist der Mensch, der paulinischen Tradition folgend, synergós – Gottes Mitarbeiter und Helfer (I Kor 3,9). So ziele der Akt der Benennung – bei Florenskij insbesondere auf die Namensgebung von Personen zugespitzt – auf die Gestaltung der Realität mittels Namen. Der ausgesprochene Name wirke magisch auf die Außenwelt und mystisch auf die Innenwelt des Sprechenden ein.

Die »Magizität« des Wortes betrachtete Florenskij aus physikalisch-psychophysiologischer und mathematisch-anthropologischer Perspektive. Das ausgesprochene Wort sei ein fester Körper, der sich durch eine bestimmte Laut- bzw. (mit Wilhelm Ostwald) Formenergie auszeichnete und gezielt Arbeit verrichten konnte. Der performative Sprechakt setze demnach Energien frei, die die Partizipation des Menschen am Schöpfungswerk Gottes ermöglichen. Mithilfe des Kurvenverlaufs der Wachstumsfunktion y=f(x), die in ihrem monotonen Wachstum der Unendlichkeit zustrebt, ließen sich auch formale Bedingungen für die Persönlichkeitsentwicklung abbilden und somit die synergetische Mitwirkung des Menschen an der Gnade Gottes, die potentielle Vervollkommnung des Einzelnen, als Verhältnis von Qualität und Quantität, Ousia und Hypostase, Name und Zahl symbolisch darstellen.

Durch das Zusammen-Wirken von Energien (»συνέργεια«) und bei wechselseitiger Förderung der beteiligten Elemente entstehe, so Florenskij, wie in einem elektromagnetischen Schwingungskreis, in dem Erreger und Resonator Resonanz (»Synergie«) erzeugen, eine strukturell neue und qualitativ höhere Verbindung. Kommt also das synergetische Wirkprinzip in Natur und Gesellschaft zum Tragen, so liege »nicht mehr die eine oder die andere Energie gesondert«, sondern etwas »Neues« vor. Oder es handele sich, ontologisch gedacht, um »mehr als die Summe der Seinsenergie der Selbstoffenbarung beider Eltern«. Diese Argumentation stellt Florenskij in die Tradition der aristotelischen Substanzontologie, die das »einheitliche Ganze« durch die Formel »mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile« beschreibt.

Für Florenskij existierte das Physische als solches nicht ohne die Durchdringung mit geistiger (bzw. okkulter) Energie. Daher bezog er ganz verschiedene Energie-Konzepte aus den Geistes- und Naturwissenschaften sowie der Religion aufeinander, die schließlich begrifflich kontaminiert werden: die göttliche Energie – in der hesychastischen Tradition mit dem Namen gleichgesetzt –, die feinstoffliche Energie im esoterischen Verständnis, die sprachphilosophische enérgeia – wie Wilhelm von Humboldt, Heymann Steinthal, Aleksandr Potebnja verstand Florenskij mit Aristoteles Sprache als dynamische Wirkkraft –, sprachmagische Energie, das moderne thermodynamische Energieverständnis und Ostwalds Energetik. Ostwalds Lehre schlug die Brücke vom Energieverständnis der thermodynamischen Physik zu naturphilosophischen, kulturwissenschaftlichen und weltanschaulichen Überlegungen, was ihn letztlich dazu führte, den Materiebegriff durch den der Energie zu ersetzen. Florenskij dagegen, für den der Energiebegriff ähnlich zentral war, aktivierte mit synérgeia theologische Energiekonzepte, die er durch die moderne Erkenntnisse zu physikalisch-technischen Phänomenen (Resonanz im elektromagnetischen Schwingungskreis) sowie auf die experimentelle Forschung in den Laboren für Psychophysik und Psychophysiologie seiner Zeit argumentativ stützte.

Dass mit Synergie ein primär religiöses Deutungsmuster auf Wissenschaft und Technik übertragen wurde, dürfte für die Slavia Orthodoxa aufgrund der anthropologischen Dimension, die dem Begriff innewohnt, von entscheidender Bedeutung sein. Die enge Verknüpfung von Technik und Glaube ist für das partizipatorische Technikkonzept im Ostchristentum ausschlaggebend. Die Untersuchung zu Florenskij ist Teil des Dilthey-Fellowships »Synergie. Technik und Glaube in der Slavia Orthodoxa«. In einer wissensgeschichtlichen Studie werden – ausgehend von der neutestamentarischen Figur des synergós – kulturtheoretische und weltanschauliche Erklärungsmodelle, globale Transformationsprojekte und Zukunftsentwürfe sowie Technologieentwicklungen untersucht, die angesichts des allgemeinen Krisenbewusstseins und der Wissenstransformationen um 1900 als Angebot unterbreitet wurden – mit dem Ziel, zu einer ›Neuen Menschheit‹ aufzubrechen. Das Aufleben religiöser und philosophischer Synergie-Konzepte, die in andere Kontexte (Naturwissenschaft, Technik, Kunst) eingingen und modifiziert wurden, liefert meines Erachtens einen Schlüssel für die Radikalität der sozialen und anthropologischen Zukunftsentwürfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Das Projekt unternimmt es, sowohl theoretische Schriften, technische Erfindungen und (realisierte) Technologien als auch fiktionale Texte und künstlerische Aktionsformen von Grenzgängern zwischen den Disziplinen in der russischen und der serbischen Moderne zu untersuchen und fokussiert 1. die sozialen und kulturellen Voraussetzungen von Synergie als Figur des Wissens und deren symbolischen Codierungen, 2. Synergie-Konzepte als Kommunikations-, Handlungs- und Wirkungsmodelle und 3. die Wechselwirkung der christlich-orthodoxen Synergie-Lehre mit anderen epistemologischen Feldern. Gefragt wird dabei sowohl nach den neuen Textverfahren und Inszenierungen, die das Wissen um das emergent-synergetische Verhalten in komplexen dynamischen Systemen in Natur und Gesellschaft hervorgebracht hat, als auch nach ästhetischen Programmen der Kunst, die an dieses Wissen anknüpften.

Darüber hinaus richtet sich der Blick auf weitere wissensgeschichtliche Konstellationen, in denen an Synergie-Konzepte angeknüpft wird. Sowohl die Konjunktur von interdisziplinären Modellierungen der Synergetik als auch die Revitalisierung des ostchristlichen Synergismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterstreichen die Aktualität der aufgeworfenen Forschungsfragen. Die Untersuchung soll die Neubewertung von Synergie-Konzepten der Slavia Orthodoxa und deren Einordnung in die Wissenskultur Europas ermöglichen.





Zitierung:
Tatjana Petzer: »Das Wort ist synergetisch«. Pavel Florenskijs Kulturtheorie des Zusammenwirkens, in: dies. (Hg.): SynergieWissen. Interdisziplinäres Forum & Open Access Lexikon, 01.08.2011, http://www.synergiewissen.de